Bericht aus der Süddeutsche Zeitung

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Traumpartner aus dem Internet

Karl Eckert hat seine Frau Sanya durch einen Internet-Service kennengelernt – nach drei Jahren in Bayern wandert das Paar nach Thailand aus.

Ban Na – Es hat 35 Grad, und die Kautschuk-Pflanzen sprießen. In zwei Jahren sind sie reif, dann kann Karl Eckert Kautschuk ernten. Er wird ein richtiger Kautschuk-Bauer sein.

Jetzt aber muss er sich erst einmal an die Luftfeuchtigkeit gewöhnen, an die Hitze und daran, dass die Einheimischen immerzu freundlich lächeln.

Die Emails von Karl Eckert klingen wie die eines Abenteurers, der sich auf eine fremde Heimat eingelassen hat. Nur die Sprache, schreibt er, könnte ihm Probleme bereiten. Thai ist nicht leicht für einen, der 57 Jahre lang nur Deutsch gesprochen hat. Aber bitte, seiner Frau ging es nicht anders, als sie zu ihm nach Deutschland kam.

Kurz vor Weihnachten sind Sanya und Karl Eckert nach Thailand ausgewandert. Sie haben ihre Autos verkauft, ihre Mietwohnung in Altenmarkt an der Alz und das Abonnement des Trostberger Tagblatts gekündigt und einen Schiffscontainer mit ihren Sachen vollgeladen. Dann sind sie fortgeflogen.

Karl Eckert, Diplom-Kaufmann und Diplom-Braumeister, hat sein Glück in Thailand gefunden. Ja, er hat seine Frau über einen Heiratsvermittler aus dem Internet kennengelernt. Ja, er ist 58 und sie erst 32. Und ja, er hat Geld für die Vermittlung bezahlt.

Ob er sich geniert? „Nein“, sagt er, „warum auch?“ Diese Frage hat er sich nie gestellt in den beinahe drei Jahren, die sie zusammen in Altenmarkt gelebt haben. Jetzt käme sie ihm erst recht nicht mehr in den Sinn.

Mit 49 Jahren ist er Witwer geworden. Von einer Geschäftsreise rief er zu Hause in Altenmarkt an, er telefonierte jeden Tag mit seiner Frau. Sie waren 21 Jahre verheiratet. Diesmal nahm seine Frau nicht ab, und er verständigte die Nachbarn, die dann die Tür öffnen ließen. Die Frau war tot. Plötzlich. „Dann habe ich erst mal fünf Jahre für mich allein gelebt.“ Keine Freunde? „Keine Freunde.“

Es hat nur noch mit sich selbst kommuniziert, bis er dessen überdrüssig wurde. Eines Tages habe er sich gesagt: „Mensch, es ist blöd, immer allein in Urlaub zu fahren, immer allein essen zu gehen.“ Er antwortete auf Kontaktanzeigen in der SZ, einmal inserierte er selbst. Vergeblich.

Karl Eckert ist ein zurückhaltender Mensch, aber er offenbart sich, wenn er gefragt wird. Sanya Eckert hört die Geschichte des Witwers bestimmt nicht zum ersten Mal. Es ist einer der wenigen Momente, in dem sie nicht lächelt.

Im Internet treten mehrere Anbieter auf, die thailändische Frauen offerieren. Interessenten werden auf den www-Seiten mit Fragen empfangen wie: „Suchen Sie eine Frau, welche noch Sinn für Hausarbeit und Kinder hat und nicht an Partys denkt?“ Und: „Suchen Sie eine Frau, welche sich über kleine Aufmerksamkeiten wie eine Rose freut, ohne den Diamantring zwischen den Blütenblättern zu suchen? Sie sagen, das gibt es nicht?“

Das Fazit, ein Appell an alle Patriarchen und solche, die es werden wollen: „Hier in Deutschland werden Sie diese Art von Frauen nicht mehr treffen. Doch es gibt sie noch! Diese Traumfrauen!“

Bei Karl und Sanya Eckert ging es jedenfalls schnell, obwohl er alles andere als einen Macho verkörpert, nein, wer die Fotos von vermittelten Paaren anklickt, möchte allen Thai-Frauen wünschen, dass sie einen wie ihn bekommen, wenn sie nach Europa ziehen.

Er gibt sich bei den abstraktesten Begriffen Mühe, sie seiner Frau zu erklären.

„Hemmung, was ist Hemmung?“

„Hemmung ist, wenn. . .“ Sie lacht. Wie es aussieht, haben sie viel Spaß.

„Wir lachen mehr miteinander als wir sprechen. Oder? Sanya?“

„Ja.“

Karl Eckert flog nach Bangkok, es war das erste Mal. Er hatte die Kopie von Sanyas Ausweis, mehr kannte er nicht von ihr. In Thailand arrangierte Rolf Horrey, der Vermittler, das erste gemeinsame Abendessen. Der Brautwerber hatte ein Wörterbuch Deutsch-Thai dabei und zeigte auf die Wörter, die sie weder ins Englische noch in Zeichensprache übersetzen konnten. Eckert sagt: „Bei mir hat es beim ersten Treffen gefunkt.“

Sanya Khwanyuen arbeitete als Friseurin in Pattaya, sie führte einen eigenen Laden, als sie sich in die Kartei von asiadream.org aufnehmen ließ. Eine ihrer Freundinnen, Naphaphorn, ist mit Rolf Horrey verheiratet. Zwei Ehen mit Thailändern hatte Sanya Khwanyuen hinter sich, nun wollte sie Sicherheit.

Eines Tages sagte Naphaphorn Horrey: „Heute Abend musst du dir etwas Schönes anziehen, wir gehen in ein Restaurant. Ich habe einen Mann für dich.“

Nach diesem Essen beschloss Frau Khwanyuen mit Herrn Eckert aus Deutschland ein paar Wochen zusammenzuleben. Auf Probe. Und weil das funktionierte, ging sie mit ihm nach Bayern, um dort für ein paar Wochen mit ihm den Alltag zu testen. Als ihre Maschine landete, schneite es. Sie hatte zuvor noch nie Schnee gesehen. Fünf Wochen später hieß sie Sanya Eckert, wohnhaft in Altenmarkt.

Von Gerhard Polt gibt es den Sketch „Mai Ling“. Polt parodiert einen Bayern namens Grundwirmer, der sich für „2758 Mark und a bissl was ab Bangkok Airport“ eine Asiatin gekauft hat. Er führt vor, wie sie ihm Zündhölzer apportiert.

Auf andere asiatisch-deutsche Paare mag das zutreffen – aber Sanya Eckert ist keine Mai Ling. Sie erzählt, wie sie Skifahren lernte, wo sie den Buddha in der Wohnung aufstellte und wie sie ihren grippekranken Mann von einer Geschäftsreise quer durch Deutschland nach Hause chauffierte, nachdem sie den deutschen Führerschein gemacht hatte. Deutsch lernte sie bei einer Privatlehrerin, vier Stunden die Woche.

Und obwohl sie Schweinsbraten schätzen und Knödel lieben gelernt habe, sei sie immer gern nach München in asiatische Lebensmittel-Shops gefahren, sagt sie. Sie pflegt weitaus schärfer zu essen als ihr Mann.

Einen Laden mit bayerischen Grundnahrungsmitteln dürfte Karl Eckert in ganz Rayong nicht finden. Er hat Natron mitgenommen, um Brezen zu backen. Bis er Kautschuk ernten kann, will er sich als Unternehmensberater und Handelsvertreter für deutsche Firmen etabliert haben, die in Thailand investieren. Er wartet auf Aufträge.

Das Haus, das er mit seiner Frau gebaut hat, ist so eingerichtet, dass ihm nichts fehlt. Wie damals in Altenmarkt hängen in der Küche seine Maßkrüge. Bier wird er daraus kaum trinken. Bei der Hitze wird es zu schnell warm.

Quelle: geschrieben von Rudolf Neumaier am 17. Mai 2010 – Süddeutsche Zeitung